»Traumpfade« ist Bruce Chatwins bekanntestes Buch und lässt sich keiner Gattung eindeutig zuordnen. Es beginnt als Reisebericht: Chatwin fährt in das Landesinnere Australiens, um die »songlines« der Aborigines zu verstehen – Wege, die in Liedern überliefert werden und den Kontinent überziehen wie eine unsichtbare Karte. Nach dem Glauben der Aborigines sind die Ahnenwesen in der Traumzeit singend durch das leere Land gezogen und haben dabei Berge, Felsen, Wasserstellen, Pflanzen und Tiere hervorgebracht.
Auf dieser Reise begleitet ihn Arkady Wolschok, ein russischstämmiger Aussteiger, der im Auftrag der Aborigines heilige Orte kartiert, damit eine geplante Eisenbahnstrecke sie nicht zerstört. Aus Gesprächen, Landschaftsbeschreibungen und Begegnungen entsteht das Porträt eines Landes, in dem zwei völlig unvereinbare Vorstellungen von Besitz und Boden aufeinandertreffen.
Etwa in der Mitte kippt das Buch. Chatwin schaltet seine Notizbücher ein: Zitate, Fundstücke, Reisenotizen aus Afrika und Asien, Überlegungen zur These, dass der Mensch von Natur aus ein Wanderer sei und Sesshaftigkeit gegen seine Anlage verstoße. Der Reisebericht wird zum Essay, die Handlung tritt zurück.
Das Buch ist auch kritisiert worden: Chatwin stützt sich stark auf die umstrittenen Theorien Theodor Strehlows, und ihm wurde vorgeworfen, kaum direkt mit Aborigines gesprochen und sein Material aus zweiter Hand bezogen zu haben. Wer das mitliest, bekommt ein streitbares, sprachlich außergewöhnliches Buch über das Reisen und das Nichtankommenwollen.
Die deutsche Ausgabe überträgt »The Songlines« von 1987.