Anna Carlson ist zwanzig, in den USA bei Adoptiveltern aufgewachsen und reist nach Korea, um ihre leibliche Mutter zu suchen. Im Waisenhaus erfährt sie, dass die Frau bereits tot ist. Damit scheint die Suche beendet – bis ihr ein Fremder ein Päckchen in die Hand drückt: einen antiken Kamm aus Schildpatt mit zwei elfenbeinernen Drachenköpfen, dazu eine Adresse in Seoul.
Dort lebt Hong Jae-hee, eine alte, arme, sehr aufrechte Frau. Was sie Anna erzählt, ist der eigentliche Roman. Im September 1943 wird Jae-hee als Vierzehnjährige unter einem Vorwand vom japanischen Militär aus ihrem Dorf geholt und in die Mandschurei verschleppt, wo sie – wie über zweihunderttausend andere koreanische Frauen – als »Trostfrau« japanischen Soldaten zur Verfügung gestellt wird. Was danach kommt, führt durch Besatzung, Befreiung, Teilung und Krieg bis in die Gegenwart.
William Andrews erzählt das in einfacher, unaufgeregter Sprache, ohne die Gewalt auszumalen und ohne sie zu beschönigen. Der Kamm läuft als Faden durch die Generationen und verbindet am Ende Annas Herkunft mit Jae-hees Geschichte.
Das Buch ist inhaltlich sehr belastend: systematische sexualisierte Gewalt, Verschleppung, Misshandlung. Wer sich darauf einlässt, bekommt einen gut recherchierten Zugang zu einem Kapitel der koreanischen Geschichte, das bis heute politisch umstritten ist.
Die deutsche Ausgabe erschien 2018 bei Tinte & Feder in der Übersetzung von Alice von Canstein und überträgt »Daughters of the Dragon«.